Ouch! Böser
Wicht!
Liebestaumel
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Sind
Sie gerade glücklich verliebt? Mit beiden Beinen in den Wolken? Grinsekatze? Dann lesen Sie lieber nicht weiter. Rufen
Sie schnell bei Lloyd’s in London an, und fragen nach, was es kostet,
diesen Zustand auf ewig versichern zu lassen! ... Sie
sind noch bei mir? Nun, dann können Sie also nicht mit diesem tiefen
positiven Gefühl aufwarten? Laufen stattdessen mit hängenden Mundwinkeln
durch die Welt und sind Ihrer Umwelt eine Last? Natürlich,
Selbstmord wäre ‘ne Lösung - aber nicht gerade einfallsreich! Na! Nun
raffen Sie Sich mal auf, es gibt nämlich noch ein anderes starkes Gefühl,
das den leeren Platz in Ihrem Herzen ausfüllen kann: HASS! Und
wo könnte man sich besser gleich tonnenweise damit versorgen, als auf
der LoveParade? Vergessen
Sie, was Sie auf RTL2 oder VIVA bisher davon gesehen haben: schöne,
junge Körper die uns rhythmisch stimulieren und perfekt choreografierte
nackte Haut zuhauf, zum Beat zuckende, weitwinkelgezoomte Lenden. Die
traurige, ungeschminkte Wahrheit jenseits des Regieraums wird jedoch
spätestens ab Delitzsch oder Dessau offenkundig. Die Zumutung von einer
Rennpappenteststrecke namens A9 verwandelt sich zusehends und unerbittlich
in das Aufmarschgebiet tiefergelegter, rückscheibengetönter Manifestationen
von Ersatzgenitalien. Das aus Kinderzeitenurlaubsfahrten beliebte Spiel
des Kennzeichenratens findet einfach keine Landkartenentsprechungen
mehr für die dreibuchstabigen Rätsel.
PRO - LL 0815 scheint überall um uns ausgeschildert. White
Trash auf Rädern. Wrestling-,
Bundesliga-Live- und Schüttelporno-Zielgruppe. Aber
gemach, gemach - vielleicht ist ja in der Brandenburgischen Heide ein
Störkraft Konzert angesagt... Als
uns jedoch die Katakomben der PotsdamerPlatzArkaden in die Berliner
Mitte ausspucken wird uns klar: Dr. Motte ist main act bei diesem Störkraft Konzert! Die
übliche Besetzung der Mallorca-Ausgaben des investigativen RTL2-Journalismus
mit den Drei-Schlagwort-Titeln (Bier, Bumsen, Ballermann) scheint sich für Friede, Freude, Eierkuchen geschlossen in der Frontstadt des Kulturclashs
eingefunden zu haben. Man
soll es nicht glauben, aber nach 10 Jahren ZusammenSolidaritätszuschlagWachsen
sind unsere ostdeutschen Mit... ähem ...menschen auch ohne Wünschelrute
noch auszumachen. Der
westwärts gerichtete Zug aus Broilerland hat stilsicher am Ziel vorbeigezielt
und genau getroffen. Nach eingehenden empirischen Untersuchungen lässt
sich die Zonen-Vorstellung eines Ravers und Techno-Jüngers ungefähr
so umreißen: die Dörrsteppe auf dem Kopf ist vorzugsweise in den beliebten
Textmarker-Farben blau, orange und grün in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen
und inspiriert von Bakterienkulturen auf Petrischalen zu gestalten;
Müllmannjacken sind der letzte Schick, aber auch Alu-Folie und andere
Kinderfaschingsutensilien sind beliebt; unerläßlich vor allem die Dose
Radeberger oder Wernesgrüner fest in der Hand (multiple-use-tool: Durstlöscher,
Aufputschmittel und Wurfgeschoß). Hier
pflegt man eine Ästhetik der Schlägerfressen - „Pitbull Germany“ steht
nicht nur auf ihren Shirts, sondern auch in ihren Gesichtern. Dazu schaut
die heftig pubertierende Freundin mit dem aschfahlen Bitterfeldgesicht
ehrerbietig auf zu ihrem Nachwuchs-Fascho mit dem feschen Kurzhaarschnitt.
Und wenn er sie weiter so abfüllt, wer weiß, vielleicht gibt’s dann
noch eine Naherkundung der Büsche im Tiergarten. Derweil findet sie
sich ganz toll erwachsen, dass sie schon auf die kaum vorhandene Lunge
rauchen und auf ihren Steckenbeinchen eine Zeitraffer-Version von DiscoFox
hinzappeln kann. Das geht natürlich noch viel besser auf den obligatorischen
Exemplaren aus Buffalo’s Sommerkatalog „Schuhe, die die Welt nicht braucht“. Und endlich hat sich der Zug so weit in Bewegung gesetzt, dass auch die Wagen der Provinzdiscos aus Neufünfland loswummern. Die Hardcore-Beats, die herunterschallen scheinen das Techno-Äquivalent zum Skin-Gegröhle zu sein; dazu glaubt der Resident-DJ Silvio, Steven oder Ronny in bester Schiffschaukelbremser-Manier sein Zwischengeplärre loswerden zu müssen: „yöh, ju moßerfohggers!“. Das freut unsere Mainstream-Jugend von Apolda bis Zschkopau ungemein und sie zieht wabernd in Richtung VIVA-Kamerastand, an dem sie sich als Winker-Uwe-Imitatoren versucht. Mit
der langsam heraufziehenden Dämmerung strömt alles auf die Siegessäule
zu. Dort erwarten uns neben
Körpergerüchen aus der Gärungsklasse auch schon die ersten Extasy-Leichen.
Anscheinend sehe ich auch nicht gerade gesund aus, da mich ein mitfühlender
Dealer fragt, ob ich Tabletten bräuchte. Habe ich etwa auch diese Augenlider
zwischen die ganze Streichhölzer passen? Geweitete, hektisch herumwirbelnde
Pupillen? Zuckende Glieder wie bei hemmungslosem Sex auf dem Himalaya?
Denn so gebärden sich unterdessen die Personalausweisanwärter mit dem
mysteriösem Flaum über der Oberlippe (gibt es in der SBZ eigentlich
keine Rasierer?). Das
Pandämonium ostelbischer Geschmacklosigkeiten drängt sich immer enger,
als wäre das Hallali zur Wühltisch-Saison geblasen. In
Feinripp gezwängte Muskeln. Weiß-grauer Flecktarn. Beohrringte Rottweilergesichter.
Bier-seeliges Gejohle. Taktgefühlsloses Gehopse. Sächselnde Satzgefüge.
Talkshowherzausschütter. Publikumszwischenrufer. SuperIllu-Leser. NPD-Flugblattverteiler.
Asbach-Pur-Trinker. Ernte
23-Raucher. Ob
Spee MegaPerls auch für Gehirnwäsche taugt? Wenn
Sie nach so einer Geisterbahnfahrt am nächsten Morgen nicht selbstverliebt
in den Spiegel gucken könnnen... denken Sie doch noch mal über Selbstmord
nach! |
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2000 by Benedikt Wahler
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